Zurück zur Übersicht

Hausaufgaben in der Therapie: Was die Forschung zeigt – und was nicht

Drei große Übersichtsarbeiten zu Hausaufgaben in der Psychotherapie, verständlich erklärt: was sie belegen, wie stark der Effekt ist und wo die Grenzen liegen.

AR
vonArrivara Redaktion
25. September 20265 Min. Lesezeit

Teilen

FacebookLinkedInXInstagramE-Mail
Veröffentlicht am25. September 2026
Aktualisiert am2. Oktober 2026

Teilen

FacebookLinkedInXInstagramE-Mail
Schlagworte#Arrivara#TherapeutischeHausaufgaben#Psychotherapieforschung#Metaanalyse#Psychotherapie

Wer Hausaufgaben mitgibt, tut das meist aus Erfahrung: Was zwischen den Sitzungen geübt wird, kommt in der nächsten Stunde verändert zurück. Aber was weiß die Forschung darüber? Wir haben die drei wichtigsten Übersichtsarbeiten gelesen und fassen zusammen, was sie zeigen – und genauso deutlich, was sie nicht zeigen.

Die Kurzfassung

  • In der kognitiven Verhaltenstherapie schneiden Behandlungen mit Hausaufgaben besser ab als dieselben Behandlungen ohne. Das ist gut belegt.
  • Wer mehr und besser übt, hat am Ende tendenziell bessere Ergebnisse. Das ist ein Zusammenhang, noch kein Beweis für Ursache und Wirkung.
  • Fast alle Studien stammen aus der Verhaltenstherapie. Für andere Verfahren fehlen vergleichbare Daten.

Studie 1: gleiche Therapie, einmal mit und einmal ohne Hausaufgaben

Die wichtigste Arbeit stammt von Nikolaos Kazantzis und Kollegen aus dem Jahr 2010. Sie haben 46 Studien mit zusammen 1.072 Patientinnen und Patienten ausgewertet. Entscheidend ist ein Teil davon: Studien, in denen dieselbe Behandlung einmal mit und einmal ohne Hausaufgaben durchgeführt wurde. Nur so ein Vergleich kann zeigen, ob die Hausaufgaben selbst den Unterschied machen.

Das Ergebnis: Mit Hausaufgaben ging es den Menschen am Ende der Therapie messbar besser. Der Unterschied liegt bei einer Effektstärke von d = 0,48. Das ist nach üblicher Lesart ein kleiner bis mittlerer Effekt– für einen einzelnen Baustein einer Behandlung ist das beachtlich. Was diese Zahl genau bedeutet, erklären wir in einem eigenen Beitrag.

Aus dieser Studie stammt auch die oft zitierte Zahl „62 zu 38“: Rechnet man den Effekt in Prozent um, verbessern sich rund 62 von 100 Menschen mit Hausaufgaben und 38 von 100 ohne. Wichtig: Das ist eine Umrechnung, keine gemessene Quote. Und sie vergleicht Therapie mit und ohne Hausaufgaben – nicht Menschen, die viel üben, mit Menschen, die wenig üben.

Studie 2: Kommt es auf die Menge an oder auf die Qualität?

2016 hat dieselbe Forschergruppe eine andere Frage gestellt: Hängt es mit dem Ergebnis zusammen, wie viel und wie gut Patientinnen und Patienten ihre Hausaufgaben umsetzen? Ausgewertet wurden 17 Studien mit 2.312 Menschen.

Beides hing deutlich mit dem Ergebnis zusammen – die Menge (g = 0,79) und die Qualität (g = 0,78). Qualität heißt hier: Wurde die Übung so gemacht, dass die gemeinte Fähigkeit tatsächlich geübt wurde? Auffällig: Bei den Nachuntersuchungen Monate später war der Zusammenhang mit der Qualität rechnerisch sogar stärker. Allerdings beruht der gesamte Qualitätsbefund auf nur drei Studien, die Unsicherheit ist entsprechend groß.

Studie 3: eine zweite Forschergruppe, ein ähnliches Bild

Unabhängig davon haben Brent Mausbach und Kollegen 23 Studien mit 2.183 Menschen ausgewertet. Auch sie finden: Wer mehr Hausaufgaben erledigt, hat tendenziell bessere Ergebnisse (r = 0,26, ein kleiner bis mittlerer Zusammenhang). Das gilt ähnlich stark für Depression, Angststörungen und Suchterkrankungen.

Diese Studie ist besonders lehrreich, weil sie zeigt, wie stark das Ergebnis von der Messung abhängt. Wurde die Erledigung objektiv erfasst, fiel der Zusammenhang deutlich schwächer aus (r = 0,16) als bei gemeinsamen Einschätzungen von Patient und Therapeut (r = 0,35 – nur zwei Studien, die Autoren selbst mahnen hier zur Vorsicht). Auch der bloße Prozentsatz erledigter Aufgaben sagte weniger aus als eine Einschätzung auf einer Skala – vermutlich, so die Autoren, weil eine Skala nebenbei auch die Qualität mit erfasst.

Was die Studien nicht sagen

Ehrlich eingeordnet gehört zu den Ergebnissen auch das, was offen bleibt:

  • Nur Verhaltenstherapie. Alle drei Arbeiten betreffen kognitive und behaviorale Verfahren. Für tiefenpsychologische, analytische oder systemische Therapie lassen sich die Ergebnisse nicht einfach übertragen.
  • Zusammenhang ist nicht Ursache. Nur der direkte Vergleich von 2010 zeigt Ursache und Wirkung. Bei den beiden anderen Studien bleibt offen, ob das Üben die Besserung bewirkt – oder ob Menschen, denen es besser geht, einfach mehr üben.
  • Viele kleine Studien. Einzelne Auswertungen beruhen auf wenigen Studien, die Ergebnisse streuen.
  • Nichts über digitale Hilfen. Keine der drei Arbeiten hat untersucht, ob Apps, Erinnerungen oder digitale Arbeitsblätter etwas verändern.

Was das für die Praxis heißt

Die Forschung spricht dafür, Hausaufgaben ernst zu nehmen – und die Studienautoren selbst raten dazu, weniger auf die Menge zu schauen als auf die Qualität. Eine gut gewählte, verständliche Hausaufgabe, die in der nächsten Sitzung besprochen wird, ist mehr wert als drei Blätter, die niemand anschaut. Wie so eine Hausaufgabe aussieht, zeigt unsere Checkliste mit fünf Fragen.

Warum drei Studien besser sind als eine

Jede Übersichtsarbeit hat ihre eigenen Stärken und Schwächen. Die Arbeit von 2010 beantwortet die wichtigste Frage – machen Hausaufgaben einen Unterschied? –, stützt sich für den direkten Vergleich aber auf einen Teil ihrer Studien. Die Arbeit von 2016 ist neuer und größer, zeigt aber nur Zusammenhänge. Die Arbeit von Mausbach stammt von einer anderen Forschergruppe und prüft, ob das Ergebnis auch unabhängig davon hält.

Zusammen ergeben sie ein stimmiges Bild: Die Richtung ist in allen drei Arbeiten dieselbe. Die Größe des Effekts schwankt je nach Frage und Messmethode. Das ist typisch für gute Forschung – und ein Grund, einzelne Zahlen nie ohne Zusammenhang zu verwenden.

Die Zahlen im Überblick

Tabelle Blog 01
Die drei Zahlen lassen sich nicht direkt miteinander vergleichen, weil sie verschiedene Fragen beantworten. Wie man sie liest, erklärt unser Beitrag „Wie groß ist der Unterschied durch Hausaufgaben? Die Studienzahlen einfach erklärt“.

Was auch Kinder und Jugendliche betrifft

Eine neue Metaanalyse aus dem Jahr 2026 hat sich Kindern und Jugendlichen in verhaltenstherapeutischer Behandlung gewidmet. Auch dort hängt die Umsetzung der Hausaufgaben mit dem Ergebnis zusammen – allerdings sehr unterschiedlich stark je nach Beschwerdebild: deutlich bei Zwangsstörungen, schwächer bei Ängsten, kaum bei Depressionen. Das zeigt: Selbst innerhalb der Verhaltenstherapie lässt sich nicht jedes Ergebnis auf jede Situation übertragen.

Wie Sie diese Befunde im Gespräch mit Patienten nutzen können

Viele Menschen erleben Hausaufgaben als lästige Pflicht. Ein kurzer, ehrlicher Satz zur Forschung kann helfen, ihren Sinn zu vermitteln – ohne Druck aufzubauen. Zum Beispiel:

„Studien zeigen, dass Therapien mit Übungen zwischen den Sitzungen im Schnitt besser laufen als ohne. Es kommt dabei weniger darauf an, wie viel Sie machen, sondern dass Sie es mit Aufmerksamkeit tun. Und wenn es mal nicht klappt, sprechen wir darüber.“


“Und Arrivara?”

Arrivara stellt Übungen digital zu und erinnert an sie. Ob das die Ergebnisse einer Therapie verändert, hat keine dieser Studien untersucht – und wir behaupten es auch nicht. Die Studien erklären, warum Hausaufgaben wichtig sind. Arrivara kümmert sich darum, dass sie ankommen.

Das könnte Sie auch interessieren

68
Weiterlesen

Hausaufgaben werden in der Therapie zu selten genutzt. Das stand 2010 im Ärzteblatt – und heute?

2010 schrieb das Ärzteblatt: Hausaufgaben in der Therapie werden zu selten genutzt. Was damals stand, was die Forschung seitdem zeigt.

Beitrag öffnen


Schlagworte#Arrivara#TherapeutischeHausaufgaben#Psychotherapieforschung#Metaanalyse#Psychotherapie
Arrivara

Damit mehr Therapie im Alltag ankommt.

Im App Store ladenBei Google Play
  • Preise
  • Blog
  • FAQ
  • Für Kliniken
  • Über uns
  • Datenschutz
  • AGB
  • Impressum

© 2025 Arrivara. Alle Rechte vorbehalten.