Zurück zur Übersicht

Hausaufgaben werden in der Therapie zu selten genutzt. Das stand 2010 im Ärzteblatt – und heute?

2010 schrieb das Ärzteblatt: Hausaufgaben in der Therapie werden zu selten genutzt. Was damals stand, was die Forschung seitdem zeigt.

AR
vonArrivara Redaktion
25. September 20264 Min. Lesezeit

Teilen

FacebookLinkedInXInstagramE-Mail
Veröffentlicht am25. September 2026
Aktualisiert am2. Oktober 2026

Teilen

FacebookLinkedInXInstagramE-Mail
Schlagworte#Arrivara#TherapeutischeHausaufgaben#Psychotherapieforschung#Metaanalyse#Psychotherapie

Die Sitzung lief gut. Die Übung war verstanden, die Patientin wirkte motiviert, der nächste Schritt war verabredet. Eine Woche später der Satz, den jede Praxis kennt: „Ich bin leider nicht dazu gekommen.“

Das ist keine Ausnahme und kein Zeichen von Desinteresse. Es ist ein bekanntes Muster – und es ist älter als das Smartphone.

Ein Befund aus dem Jahr 2010

Im Januar 2010 erschien im Deutschen Ärzteblatt, Ausgabe für Psychologische Psychotherapeuten, ein Beitrag von Marion Sonnenmoser unter dem Titel „Hausaufgaben in der Psychotherapie: Noch unentdecktes Potenzial“. Die Kernaussage: Aufgaben zwischen den Sitzungen können viel bewirken – und werden trotzdem zu selten systematisch eingesetzt.

Der Beitrag fasste zusammen, wozu Hausaufgaben dienen: Sie geben Raum zum Üben, sie übertragen Erarbeitetes in den Alltag, und sie lassen Menschen erleben, dass sie selbst etwas bewirken können. Er nannte auch die typischen Gründe, warum sie liegen bleiben – Zeitmangel, Unklarheit über die Aufgabe, fehlender Sinn, Perfektionismus, Antriebslosigkeit, die Angst, etwas falsch zu machen. Und er hielt fest, dass schon das Wort „Hausaufgabe“ bei manchen an Schule erinnert.

Daraus leitete der Beitrag Empfehlungen ab, die sich bis heute lesen lassen wie eine Checkliste: Aufgaben bewältigbar zuschneiden, an Stärken anknüpfen, Hindernisse vorher besprechen, genau und konkret formulieren, den Sinn erklären, schriftliches Material mitgeben und jede Aufgabe in der nächsten Sitzung besprechen.

Was die Forschung seitdem gezeigt hat

Im selben Jahr erschien die Übersichtsarbeit, die bis heute den stärksten Beleg liefert. Kazantzis, Whittington und Dattilio werteten 46 Studien mit 1.072 Personen aus und verglichen dabei dieselbe Behandlung einmal mit und einmal ohne Hausaufgaben. Ergebnis: ein Vorteil für die Variante mit Hausaufgaben, Effektstärke d = 0,48. Das ist ein kleiner bis mittlerer Effekt – für einen einzelnen Baustein einer Behandlung beachtlich.

2016 stellte dieselbe Forschergruppe eine andere Frage: Kommt es auf die Menge des Übens an oder auf die Qualität? Über 17 Studien mit 2.312 Personen hing beides mit dem Ergebnis zusammen, die Qualität bei späteren Nachuntersuchungen sogar etwas stärker. Eine unabhängige Übersicht von Mausbach und Kollegen kam im Jahr 2010 zu einem ähnlichen, etwas vorsichtigeren Bild.

Drei Einschränkungen gehören dazu, und sie sind für die Praxis wichtiger als jede Zahl: Die Belege stammen fast ausschließlich aus der Verhaltenstherapie. Nur der direkte Vergleich von 2010 zeigt Ursache und Wirkung, die anderen Arbeiten zeigen Zusammenhänge. Und keine dieser Studien hat digitale Hilfen untersucht – weder Apps noch Erinnerungen noch digitale Arbeitsblätter.

Warum das Potenzial trotzdem liegen bleibt

Wenn die Empfehlungen seit über fünfzehn Jahren bekannt sind: Warum ändert sich so wenig? Verlässliche Zahlen dazu haben wir für Deutschland nicht gefunden. Aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen hören wir vier Gründe immer wieder.

  • Es wird kaum gelehrt. Wie man eine Hausaufgabe plant, vereinbart und nachbespricht, ist in Aus- und Weiterbildung ein Randthema. Fachleute fordern seit Längerem, das zu ändern.
  • Die Zeit am Ende der Sitzung ist knapp. Genau dort, wo Sinn, Umfang und Hindernisse geklärt werden müssten, drängt die Uhr.
  • Die eigentlichen Hürden liegen außerhalb der Praxis. Was zu Hause passiert, entzieht sich dem Einfluss der Behandelnden.
  • Der Weg dorthin ist unverändert. Kopie, Ordner, Handyfoto, E-Mail – zwischen Sprechzimmer und Küchentisch geht auf dieser Strecke einiges verloren.

Was in der Praxis hilft

Die gute Nachricht: Die meisten Stellschrauben liegen in den letzten fünf Minuten der Sitzung. Fünf Fragen genügen, um eine Hausaufgabe alltagstauglich zu machen.

  1. Ist sie machbar? Nicht zu leicht, nicht zu schwer – und passend zu dieser Woche.
  2. Knüpft sie an das an, was die Person schon kann?
  3. Weiß die Person, wozu sie gut ist? Ein Satz reicht.
  4. Hat sie die Aufgabe schwarz auf weiß dabei? In einer Befragung von Verhaltenstherapeuten hing die Erledigung unter anderem damit zusammen, ob schriftliches Material mitgegeben wurde.
  5. Sprechen Sie in der nächsten Sitzung darüber? Wird die Aufgabe nicht angesprochen, lernt die Person: So wichtig war sie nicht.
  6. Dazu eine sechste Frage, die oft die größte Wirkung hat: „Was könnte Sie davon abhalten?“ Sie kostet eine Minute und erspart häufig eine verlorene Woche.

Die Lücke, über die selten gesprochen wird

Auffällig ist, wie wenig sich seit 2010 an einer Stelle verändert hat: am Transportweg. Die Therapie selbst hat sich weiterentwickelt, die Dokumentation ist digital, Termine laufen über Systeme. Die Übung für zu Hause aber reist weiterhin als Kopie in der Jackentasche oder als Foto in einer Galerie zwischen Urlaubsbildern. Manche Praxen weichen auf Messenger aus – mit allen Problemen, die das für Gesundheitsdaten mit sich bringt.

Das ist keine Kleinigkeit. Wenn die Wirkung im Alltag entsteht, dann entscheidet auch mit, ob das Material dort ankommt, wo es gebraucht wird.

Was Arrivara damit zu tun hat

Arrivara ist aus genau dieser Lücke entstanden. Behandelnde fotografieren ihre Übungen, Arrivara macht daraus digitale Übungen. Wird eine Übung einer Person zugestellt, wird daraus eine Hausaufgabe – auffindbar auf dem Handy, auf Wunsch mit einer Erinnerung zu einer gemeinsam vereinbarten Zeit. Audio- und Videoanleitungen lassen sich genauso zustellen.

Was Arrivara nicht tut: bewerten, Erledigungsquoten messen, den Gesundheitszustand beobachten oder Übungen vorschlagen. Und wir behaupten nicht, dass Arrivara Therapien erfolgreicher macht. Dafür gibt es keine Studie, und die oben genannten Arbeiten sagen darüber nichts.

Was wir sagen können: Der Weg vom Sprechzimmer in den Alltag lässt sich besser organisieren als mit einer Kopie. Das Potenzial, von dem das Ärzteblatt 2010 schrieb, heben Sie – in der Therapie.

Zum Weiterlesen

Der Beitrag des Deutschen Ärzteblatts ist frei im Archiv abrufbar. Er lohnt sich, auch weil er in wenigen Absätzen zusammenfasst, was viele Fortbildungen ausführlich behandeln.


Das könnte Sie auch interessieren

01
Weiterlesen

Hausaufgaben in der Therapie: Was die Forschung zeigt – und was nicht

Drei große Übersichtsarbeiten zu Hausaufgaben in der Psychotherapie, verständlich erklärt: was sie belegen, wie stark der Effekt ist und wo die Grenzen liegen.

Beitrag öffnen
72
Weiterlesen

Fünf Fragen an jede Hausaufgabe – die Checkliste

Fünf Fragen, mit denen Sie jede Hausaufgabe prüfen können, bevor Sie sie mitgeben – kompakt als Checkliste für die Praxis, nach den Empfehlungen im Deutschen Ärzteblatt.

Beitrag öffnen
02
Weiterlesen

Warum gute Hausaufgaben zu Hause liegen bleiben

Eine gute Hausaufgabe, ein motivierter Patient – und trotzdem passiert nichts. Drei alltägliche Gründe und was Sie schon in der Sitzung tun können.

Beitrag öffnen



Schlagworte#Arrivara#TherapeutischeHausaufgaben#Psychotherapieforschung#Metaanalyse#Psychotherapie
Arrivara

Damit mehr Therapie im Alltag ankommt.

Im App Store ladenBei Google Play
  • Preise
  • Blog
  • FAQ
  • Für Kliniken
  • Über uns
  • Datenschutz
  • AGB
  • Impressum

© 2025 Arrivara. Alle Rechte vorbehalten.