Hausaufgaben werden in der Therapie zu selten genutzt. Das stand 2010 im Ärzteblatt – und heute?
2010 schrieb das Ärzteblatt: Hausaufgaben in der Therapie werden zu selten genutzt. Was damals stand, was die Forschung seitdem zeigt.
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vonArrivara Redaktion
25. September 20264 Min. Lesezeit
Im Januar 2010 erschien im Deutschen Ärzteblatt, Ausgabe für Psychologische Psychotherapeuten, ein Artikel mit einem bemerkenswerten Titel: „Hausaufgaben in der Psychotherapie: Noch unentdecktes Potenzial“. Die Kernaussage: Therapeutische Hausaufgaben können viel bewirken – und werden trotzdem zu selten systematisch eingesetzt. Sechzehn Jahre später lohnt ein zweiter Blick.
Was der Artikel damals sagte
Der Beitrag von Marion Sonnenmoser fasste den damaligen Forschungsstand zusammen. Er stützte sich unter anderem auf eine Übersichtsarbeit des Psychologen Nikolaos Kazantzis, nach der Therapien mit Hausaufgaben erfolgreicher waren als ohne, und auf Einschätzungen der Berliner Psychologin Lydia Fehm.
Drei Funktionen wurden hervorgehoben:
1. Intensivierung: Was in der Sitzung beginnt, wird durch Üben gefestigt.
2. Transfer: Neue Erfahrungen werden in den Alltag übertragen.
3. Selbstwirksamkeit: Patientinnen und Patienten erleben, dass sie selbst etwas bewirken.
Der Artikel nannte auch die typischen Gründe, warum Hausaufgaben liegen bleiben – Zeitmangel, Unklarheit, fehlender Sinn, Perfektionismus, Antriebslosigkeit, Angst vor Fehlern – und gab Empfehlungen für gute Hausaufgaben. Er beschrieb außerdem, dass tiefenpsychologisch arbeitende Therapeutinnen und Therapeuten Hausaufgaben deutlich skeptischer sehen als verhaltenstherapeutisch arbeitende.
Was die Forschung seitdem gezeigt hat
Die Kernaussage hat sich bestätigt. Die Übersichtsarbeit von Kazantzis und Kollegen aus dem Jahr 2010 zeigt im direkten Vergleich: Verhaltenstherapie mit Hausaufgaben schneidet besser ab als ohne.
Qualität ist in den Blick gerückt. 2016 zeigte dieselbe Gruppe, dass nicht nur zählt, wie viel geübt wird, sondern wie gut.
Kinder und Jugendliche sind dazugekommen. Eine Metaanalyse von 2026 findet auch bei jungen Menschen einen Zusammenhang zwischen Hausaufgaben und Ergebnis, der je nach Beschwerdebild sehr unterschiedlich ausfällt.
Der Blick weitet sich. Fachleute diskutieren Hausaufgaben inzwischen als verfahrensübergreifende Methode und fordern, die Fähigkeit, gute Hausaufgaben zu stellen, gezielt in Aus- und Weiterbildung zu vermitteln.
Was die Zahlen heute sagen
Die Übersichtsarbeit von 2010 umfasst 46 Studien mit 1.072 Personen. Im direkten Vergleich ergab sich ein Vorteil für die Therapie mit Hausaufgaben von d = 0,48 – ein kleiner bis mittlerer Effekt. Rechnet man das anschaulich um, verbessern sich etwa 62 von 100 Menschen mit Hausaufgaben gegenüber 38 von 100 ohne. Das ist eine Umrechnung, keine gemessene Quote, und sie gilt für die Verhaltenstherapie. Was genau dahintersteckt, erklärt unser Beitrag „Mit Hausaufgaben 62 von 100, ohne 38“.
Die Arbeit von 2016 mit 17 Studien und 2.312 Personen ergänzt: Sowohl die Menge als auch die Qualität des Übens hängen mit dem Ergebnis zusammen. Eine unabhängige Übersicht mit 23 Studien kommt zu einem ähnlichen, etwas vorsichtigeren Bild.
Was Sie aus dem Artikel mitnehmen können
Für die eigene Praxis lässt sich der Befund von 2010 in drei Sätze übersetzen:
1. Hausaufgaben sind kein Beiwerk. Sie gehören zur Therapie, nicht nur ans Ende der Sitzung.
2. Gut gestellt ist halb gewonnen. Machbar, konkret, sinnvoll, schriftlich, nachbesprochen.
3. Was nicht besprochen wird, verliert an Bedeutung. Die Nachbesprechung ist Teil der Hausaufgabe.
Was sich nicht verändert hat
Die Forschung ist weiter einseitig. Für andere Verfahren als die Verhaltenstherapie gibt es noch immer kaum belastbare Daten.
Ob Hausaufgaben heute häufiger genutzt werden, wissen wir nicht. Aktuelle Zahlen für Deutschland dazu haben wir nicht gefunden. Ob das „unentdeckte Potenzial“ inzwischen entdeckt ist, lässt sich deshalb nicht sagen.
Die Hürden im Alltag sind dieselben. Zeitmangel, Unklarheit und die Angst, etwas falsch zu machen, sind keine Frage der Technik.
Was neu ist
2010 war ein Arbeitsblatt ein Blatt Papier. Heute tragen die meisten Menschen ein Smartphone bei sich. Das ändert nichts an dem, was eine gute Hausaufgabe ausmacht. Aber es ändert, wie sie mitgegeben werden kann. Ob digitale Wege etwas an den Ergebnissen ändern, ist bislang nicht untersucht.
Die Empfehlungen von damals – heute gelesen
Der Artikel von 2010 enthielt eine Reihe von Empfehlungen, wie Hausaufgaben gestaltet werden sollten. Sinngemäß zusammengefasst:
• bewältigbar, weder zu leicht noch zu schwer,
• ein gleichbleibender Schwierigkeitsgrad,
• an den Stärken der Person ansetzen,
• mögliche Hindernisse vorher besprechen,
• genau und konkret formulieren, mit überschaubarem Zeitrahmen,
• den Sinn erklären und den Bezug zu den Therapiezielen herstellen,
• schriftliches Material mitgeben,
• jede Hausaufgabe nachbesprechen, am besten zu einem festen Zeitpunkt.
Liest man diese Liste heute, fällt auf: Sie ist erstaunlich aktuell. Die neuere Forschung zur Qualität von Hausaufgaben stützt genau diese Richtung. Und eine Befragung aus derselben Zeit zeigte, dass schriftliches Material mit der Erledigung zusammenhing.
Warum das Thema so hartnäckig liegen bleibt
Wenn die Empfehlungen seit Jahren bekannt sind, warum ist das Potenzial dann noch nicht gehoben? Einige mögliche Gründe:
• Es wird wenig gelehrt. Wie man gute Hausaufgaben stellt und nachbespricht, ist in Aus- und Weiterbildung oft ein Randthema. Fachleute fordern, das zu ändern.
• Die Zeit ist knapp. Am Ende der Sitzung ist oft nicht genug Raum für eine sorgfältige Vereinbarung.
• Die Hürden liegen im Alltag. Vieles, was eine Hausaufgabe scheitern lässt, passiert außerhalb der Sitzung – dort, wo Therapeutinnen und Therapeuten keinen Einfluss haben.
• Das Wort schreckt ab. Schon der Artikel von 2010 wies darauf hin, dass der Begriff „Hausaufgabe“ bei manchen unangenehme Schulerinnerungen weckt.
Diese Gründe sind Einschätzungen, keine Forschungsergebnisse. Aber sie decken sich mit dem, was wir aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen hören.
Was bleibt
Der Befund von 2010 ist aktueller, als sein Alter vermuten lässt: Hausaufgaben können in der Therapie viel bewirken, wenn sie gut gestellt, mitgegeben und nachbesprochen werden. Wie das konkret geht, zeigen unsere Beiträge „Fünf Fragen an jede Hausaufgabe – die Checkliste“ und „Was die Forschung zeigt – und was nicht“.
“Und Arrivara?”
Arrivara setzt genau an dieser Lücke zwischen Sitzung und Alltag an: Es weist Übungen zu und erinnert Patienten daran, sie auch umzusetzen. Das Potenzial, das laut Ärzteblatt in der Psychotherapie noch nicht ausgeschöpft ist, heben Sie damit in der Praxis.
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